Skip to content

4. Ausgabe

Print Friendly, PDF & Email

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Geleitwort

Etwas Düster-Geheimnisvolles, kaum Greifbares und doch Einleuchtendes – das ist es, was (fast) allen Texten dieser Ausgabe eignet.

Zum zweiten Mal vertreten sind Stefanie Golisch, eine Meisterin des zum Zyklus verknüpften, gleichsam zum Kranz geflochtenen Prosastücks, und „blume“, dessen Texte sowohl spielerischen als grüblerischen Charakter haben. – Und den Lesern der ersten Ausgabe wird auch Nicola Quaß noch in Erinnerung sein, die erneut eines ihrer atmosphärisch dichten Prosastücke beigesteuert hat.

Wer sich über die Autorinnen und Autoren informieren möchte, kann dies, wie immer, durch Klick auf den jeweiligen Namen tun. – Die Viten wurden nicht „sichtbarer“ gemacht, weil im Prosastück zwar die Verfasser und ihre Werke, nicht aber ihre Lebensläufe im Vordergrund stehen sollen (obwohl auch diese natürlich Interesse verdienen).

Verena Ullmann

Verheißung  

Leg dich auf den Schotterweg. Ist er breit genug für deine Ängste? Leute steigen über dich. Sie sehen die hohen Wellen nicht, hören nur die nächste S-Bahn kommen. Du überlegst wie jede Woche: Alte Freundschaft leuchtet leider und stellt die Reste in den Schatten. Ihr redet über Nichtigkeiten. Sagt „Meld dich mal“ und meint es nicht. Vergiss nicht wieder, nach oben zu blicken! Der Himmel schillert, wenn man die Steine spürt, die Wellen wegdenkt, die S-Bahn ignoriert. Leg dich hin, der Länge nach. Dein Name ist weder Nacht noch Angst, dein Alter tropft wie warmes Wachs, deine Heimat suchst du in meinem Blick (– das wird später wichtig, noch siehst du mich nicht). Mein Versprechen glimmt auf im Wind, der den Schotter, das Schillern und dich berührt. Seit Jahren zitterst du im Dunkeln und tust, als wüsstest du von nichts. Bald rücke ich die Sonne ins rechte Licht. Ich tu das für dich und ich meine es so.

 

blume

praeliminarien einer exkursion 

das loch im ausgelatschten schuh, du hast es mit gedichten gestopft, von denen dir jedes einzelne unsagbar viel bedeutete – damals, als du es schriebst. nun zaehlst du die huebschen bunten steine in deiner hosentasche – werden sie dir genuegen, bis zum herzen des waldes & ebenfalls, um dich wieder zurueck zur kleinen, verfallenden huette zu fuehren? du zoegerst & ueberlegst. da hat dir der alte, muerrische schafhirte aus osoi doch tatsaechlich eine grobe karte auf das verknitterte stueck papier geschmiert; zwar enthaelt sie keinerlei konkrete entfernungsangabe & keinen korrekten maszstab, dafuer, symbolisch, wohl schon von weitem sichtbare anhaltspunkte, zum beispiel besonders skurril ausdefinierte felsformationen, eine blitzgetroffene tanne – verkohltes relikt ihrer selbst – & andere natuerlich entstandene wegweiser. glaubst du denn, bereit zu sein? oder wartest du noch ein wenig ab?

 

Stefanie Golisch

Vom Menschsein 

Wir wollen doch alle Menschen werden, aber wie können wir denn Menschen werden, einen Versuch ist es immerhin wert, auch wenn dieser Versuch schauerlich schiefgehen kann, vielleicht, ja, ganz sicher wird es mir nicht gelingen zum Leben zu gelangen, und ich werde zugrunde gehen wie das umgekehrte Sterntaler in Büchners Märchen der Großmutter, so ein Märchen darf man doch keinem Kind erzählen, dass die Erde am Ende nur ein umgestürzter Hafen sei, das wird der Großmutter kein Kind glauben, so leicht gibt ein Kind nicht auf, das kann doch gar nicht sein, das darf nicht sein, man muss zugrunde gehen bei dem Versuch, ein Mensch zu werden

Eine Frau hatte sieben Töchter, ein Mann drei Söhne, ein armer Köhler nur Steine als Kinder und aus den sieben Töchtern werden sieben stattliche Frauen, die es günstig zu verheiraten gilt, und aus den drei Söhnen zwei gütige und ein schlimmer König mit einer noch schlimmeren Königin an seiner Seite, und aus den Steinen, ja was soll denn nur aus den Steinen werden

So fern ist das Märchenhafte aus unserer Gegenwart gerückt, dass wir uns kaum noch in ihm erkennen, so gut funktioniert alles um uns herum und wir selbst im Getriebe, dass wir die Märchen gar nicht mehr brauchen und weil wir sie nicht mehr brauchen, ihre Sprache nicht mehr verstehen, so wie man einen Menschen nicht versteht, den man nicht irgendwie braucht und der einen nicht irgendwie braucht, ein Kind hält sich die Ohren zu, ein Mann gähnt ungeniert, so genau wollen wir ja gar nicht wissen, was geschieht, wenn wir plötzlich ganz nackt dastehen, und nackter als nackt, wie Kafka einmal in seinen Tagebüchern schreibt, wenn uns die Haut von den Knochen gezogen wird und die Knochen uns gebrochen werden und wir immer tiefer hinein- oder hinuntergezogen werden in ein Wissen von uns selbst, das wir partout nicht wissen wollen

Aus den sieben Töchtern werden sieben stattliche Frauen bis auf eine, aus der gar nichts wird, das ist nicht schwer zu erraten, und die schlimme Frau des schlimmen Königs bekommt statt den ersehnten schlimmen Kindern immer nur Steine, nicht schwer zu erraten, nur unter den zahllosen Kindern des Köhlers ist eines, das kein Stein mehr sein will, und so fest entschlossen, ein Mensch zu werden ist dieser Stein, gar kein besonderer Stein, dass er eines Tages tatsächlich zu sprechen beginnt, und das ist kein Märchen, sondern schon die Wirklichkeit, oder es ist nicht mehr die Wirklichkeit, sondern schon ein Märchen, ach vergessen wir einfach diese grobe Distinktion und hören stattdessen dem Wesen auf der Welt zu, das uns davon erzählen kann, wie Steine leben, wie es ist, ein Stein zu sein und dann kein Stein mehr

 

Nicola Quaß

Pinsel ohne Land

Sie saßen zwischen Lavendelfeldern im schweren Licht des Tages. Ihre Augen sahen schon das Ende des Himmels voraus, doch ihre Gedanken galten den Vögeln über ihren Köpfen, die dort kreisten wie ein kleiner Fluch. Ein einzelnes Schaf, in Wolle versunken, döste im lilafarbenen Gras. Die Zukunft ist auch bei offenen Augen nicht immer zu sehen. So zählten sie die Wolken am Himmel, so tauschten sie Gesten gegen Melancholie. Vielleicht war Sonntag, vielleicht lagen auch mehrere Tage zwischen ihren Erinnerungen. Die Sonne färbte die Felder an den Rändern der Zeit. Hier zu sein ohne an Abschied zu denken, war wie unwiderruflich die Augen verschließen, war wie ein Verweilen vor der sicheren Tür. Sie glaubten noch immer an das tiefe Blau ihrer Worte, an die Stimme des Lichts in einer zerbrechlichen Zeit. Und auch ihre Wünsche ähnelten sehr der Stille dieses Moments. Vielleicht sind sie später zum Gegenstand eines Gemäldes geworden. Vielleicht schliefen sie schon, als ein Flugzeug diesen Moment markierte ohne weitere Nachricht.

 

Vera Vorneweg

U 77

Dorfstraße. Landstraße; alles Straßen, die in ihr Gegenteil führen, hinein ins Gedränge, hinein ins Gewimmel. Ein Blumengeschäft, ein Bäcker, eine Baustelle, ein Kind weint; Regen auch in den Augen, an der Haltestelle wirbt eine Fast-Food-Kette. Das Fehlen der Hauptader beim Ginkgo; kleine, gerade, hin zur Unendlichkeit sich aneinanderreihende Blattkapillaren, an den Enden zusammengefasst durch einen Rand, der wie eine Hügelkette aussieht. Eine stumme schöne Mutter passiert, das Kind wohlgeschützt unter einer Silberdecke; das schwarze Haar der Frau zusammengehalten unter einer weißen Mütze, volle, fleischige Lippen, gestillt. Krähen, die die Luft durchschneiden, der sich nähernde Aufprall eines Schuhpaares, ein Niesen, ein Mensch. Ein Baum, der von seiner Last befreit werden muss; ein Kind, das sein Lachen nicht einhalten kann. Eine sich nähernde, telefonierende Stimme, aufwallend und dann wieder abflachend, ins Nichts sprechend; Ebbe und Flut, auch in den Menschen.

 

Ines Geishauser

Lebenslauf

Lass alles fallen, verleugne alles, verhaspele dich, lies rückwärts, lass. Lass zu, dass keiner was erkennt. Lösch dann das Bild, geh fort und fort auf dunklerem, jetzt warmem Weg. Vorbei an Häusern, wo die Reichen wohnen und die Klugen. Hier winkt dir wer, den kanntest du, geh fort und fort, nur Hütten hier, und hinter diesem Holzverschlag ein Kind, das senkt den Blick vor Freude, dass du kommst.

 

 

 

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.