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2. Ausgabe

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Geleitwort

Der Rahmen wurde für diese – zweite – Ausgabe etwas weiter gesteckt: Neben lyrischer Prosa von Frank Ruf und Axel Görlach stehen erzählerischere Texte – ein Romanauszug von Peter Kapp, Ralf Schwobs Kurzgeschichte und die kleine Charakterstudie von Tessa Schwartz.

Frank Ruf

Phonika und Telemon – Teil 2, Grün

(Dieses Prosastück gehört zu einer Gruppe von Texten, die Frank Ruf zu Gemälden des Künstlers Daniel Domig schrieb. Aufschluss über den Zusammenhang von Text und Bild bzw. Einzeltext und Zyklus gibt das verlinkte PDF).

Phonika und Telemon sonnten sich in jenem Friedhof, der kürzlich aus noch unbekannten Gründen auf einem saftigen Fußballrasen eröffnet worden war. Die ersten Steine steckten lose verteilt im Gras, während der Mittelstreifen verblasste und die Netze der Tore Risse bekamen.

„Auf jeder Seite liegen jetzt ungefähr zehn bis zwölf“, gähnte Telemon, drehte beim Abschätzen der Anzahl der Grabsteine unter Mühen seinen Kopf, der ihm immer schwerer wurde, je länger die Sonne ihn im Griff hielt.

„Die Erotik des Verfalls“, gähnte Phonika und döste weg. Sie glitt in einen Halbschlaf und fand sich in folgendem Kurztraum wieder: Mit ganzer Kraft sprang sie und schnappte nach einem davonspringenden Granatapfel, der unter ihrem Zugriff aufplatzte, seinen Pixelbauch öffnete und einen roten Regen projizierte.

Schlagartig erwachte Phonika wieder. Sie schlug die Augen auf und dachte spontan das Wort prophezeite. Sie fühlte sich ganz unten, während hoch oben die Sonne stand, wie ein Heizpilz.

Die Erde des Friedhofstadions war dunkel, frisch, frühlingshaft feucht und kurz davor.

Ralf Schwob

Flusslandschaft mit Menschen

(Mit diesem Text gewann der Autor den Kunstpreis von Lotto Rheinland-Pfalz 2007)

Aufgewachsen bin ich am Rhein bei Oppenheim in einem windschiefen Häuschen, das früher einmal eine geheime Fährstube gewesen sein soll. Jedenfalls behauptete das mein Großvater immer wieder, und die Tatsache, dass außer ihm niemand von diesem illegalen Fährbetrieb jemals etwas gehört hatte, war ihm nur Beweis dafür, wie geheim die Sache gewesen sei. Einer unserer Vorfahren habe hier Schmuggler und allerlei sonstiges lichtscheues Gesindel in Mondscheinnächten über den Rhein auf die hessische Seite übergesetzt und einmal sogar eine ganze Nacht mit dem Schinderhannes gezecht, der sich drüben auf dem Kühkopf und durch die Hilfe unseres Ahnen eben auch zeitweise hier in den linksrheinischen Auen versteckt habe. Mein Vater hingegen steckte uns Buben, als wir alt genug dafür waren, dass Opa im Krieg von den Franzosen was auf den Schädel bekommen habe und seitdem hin und wieder komische Geschichten erzähle. Dennoch hatte mein Vater niemals Bedenken uns, auch als wir noch klein waren, der Obhut des Großvaters zu überlassen, wenn wir mit ihm durchs versumpfte Unterholz runter an den Fluss wateten, um dort zu schwimmen – und das obwohl die tückischen Rheinstrudel in jedem Jahr mindestens einen unbedarften Sommerfrischler, der sich zu weit ins Wasser gewagt hatte, in die Tiefe zogen. Einige von ihnen wurden später vor Mainz wieder angeschwemmt, die anderen behielt der Rhein. Aber Großvater kannte den Fluss wie niemand sonst und lehrte uns frühzeitig, ihn mit all seinen Eigenheiten zu respektieren, so wie man ein schönes, aber nicht ungefährliches Tier respektiert. Er brachte uns bei, wann man sich mit dem Strom treiben lassen und wann man sich ihm entgegenstemmen musste und wie man gefährliche von harmlosen Unterströmungen unterscheiden konnte, wenn sie einem im Wasser wie Katzen um die Beine strichen. Wenn es im Frühjahr tagelang regnete und der Fluss unaufhaltsam über die Ufer trat, sich seinen Weg durch das Auenwäldchen bis in die Keller der Häuser suchte, stand Großvater mit seinem alten Zollstock in der immer weiter ansteigenden Rheinbrühe und gab die aktuellen Pegelstände durch. Mit seinem grauen Bart und dem verfilzten Mantel, dessen Rockschöße träge auf dem dunklen Wasser schwammen, sah er für uns Kinder immer ein bisschen so aus wie Moses, der jeden Moment die Arme heben und das Wasser teilen würde. Dabei hätte Großvater, selbst wenn er über derartige übernatürliche Fähigkeiten verfügt hätte, niemals in den natürlichen Lauf der Dinge eingegriffen: für ihn war es selbstverständlich, dass der Fluss uns in seiner Nähe nur duldet und jeder Zeit das Recht hat, uns seine Macht spüren zu lassen. Wasserbau und Urbarmachung – gerade biegen, was von Natur aus krumm gewachsen ist, das waren für Großvater Ideen, die nur von Menschen stammen konnten, die Wasser nur aus stehenden Tümpeln und den verchromten Wasserhähnen ihrer Stadtwohnungen kannten. Manchmal stand er laut schimpfend am offenen Küchenfenster unseres Häuschens und erschreckte vorübergehende Spaziergänger mit einer Brandrede gegen die Rheinbegradigung von 1829, als sei sie erst gestern beschlossen worden. Da war Großvater bereits über siebzig und mein Bruder und ich alt genug, um uns für ihn zu schämen, weil wir von den gleichaltrigen Buben in Oppenheim nur als die Enkel vom verrückten Rheinschiffer verlacht wurden. Die Erwachsenen schüttelten die Köpfe und tippten sich an die Stirn, wenn Großvater im Wirtshaus auftauchte und mit seinen Geschichten anfing, und einmal ließ er sich dort auf eine aberwitzige Wette ein, stürzte sich mitten in der Nacht in den Rhein und schwamm in der Finsternis bis rüber auf den Schusterwörth, wo ihn dann aber schließlich doch Kraft und Mut verließen und unser aus dem Schlaf gerissener Vater mit dem Wagen über die Weisenauerbrücke bei Mainz den Weg ins südhessische Ried antreten musste, um den vor Kälte und Erschöpfung zitternden Großvater von der anderen Rheinseite wieder nach Hause zu holen. Danach wurde Großvater ruhiger. Es trieb ihn zwar weiterhin in aller Herrgottsfrühe nach draußen: immer querfeldein mit einer Dose Würmer und der Angel durch die Auen und ins Schilf bis an den Flusslauf – aber zuweilen begnügte er sich nun auch damit, am Ufer auf den Steinen sitzend den tief im Wasser liegenden Frachtschiffen zu winken, deren schwermütige Nebelhörner ihm ein ums andere Mal Tränen in die Augen treiben konnten. Auch Verrückte werden alt und mit fast fünfundachtzig Jahren erlaubte sich Großvater erstmals einen Winter lang nur hinterm Ofen in der Küche zu sitzen und aus dem Fenster auf den Fluss zu schauen. Im darauffolgenden Sommer stand er wieder bis zur Brust im Rhein oder ließ sich rücklings ein Stück flussabwärts treiben, aber im Herbst erwischte Großvater eine schwere Grippe. Der Hausarzt kam, nahm ihm Blut ab, verordnete Wadenwickel und viel Flüssigkeit und vertraute ansonsten auf die robuste Natur des alten Mannes – und tatsächlich hatte Großvater nach ein paar Tagen die Krankheit ausgeschwitzt. In seinem Blut hatte der Arzt allerdings etwas gefunden, dass selbst er nicht würde ausschwitzen können. Der Arzt saß lange mit ihm am Küchentisch und Großvater nickte, als habe er nichts anderes erwartet.

Am Tag, als Großvater nach Mainz ins Krankenhaus kommen sollte, warteten wir schweigend vor unserem Häuschen auf ihn, der bereits reisefertig noch einmal runter zum Fluss gegangen war. Später fanden wir nur noch seinen sorgfältig zusammengelegten Sonntagsanzug und die blankgeputzten schwarzen Schuhe am sandigen Ufer. Seine Fußspuren, die in den Fluss führten, hatte das seicht anbrandende Wasser schon fast gänzlich wieder fortgewaschen.

Peter Kapp

(aus dem Romanprojekt:) EUDÄMON (Kapitel IV)

Seine Mutter war weg, Zucken im Bauch, für ihn gestorben. Aldo lag im Dunkeln, böser Junge, die eisernen Knie an die Brust gepresst. Radar herunter gedimmt, Dämmerung ums Herz. Die Arme um die Knie geschlungen, Beton und Erdklümpchen vor dem Gesicht. Summen und Summen, ein Lied, eine Gutenachtgeschichte, seine Mutter war weg. Modifiziere: Vanillefrau sah er auch nie wieder. Dafür aber Schnauzermann, reagiere: ein Schauer, registriere: der brachte ihn zu Frau Schultheiß-Vogelgesang. Wie sie zwitscherte! Wie sie gurrte und tschilpte! Aldo, komm her, mein Kleiner. Schnauzermann lachte. Denk einfach, einfache Dinge, ein Zucken: Erschieß ihn! Aldo konnte nicht. Komm her, mein Kleiner, Hosen runter! Aldo zitterte, als ihn Frau Schultheiß-Vogelgesang berührte. Alles wird gut. Neue Schicht. Neue Module. Entwicklung, wie’s zuckt. Die Ratten raschelten und fiepten um ihn herum. Seine guten Freunde, Aldo lächelte, steckte sich Erde in den Mund, spuckte aus. Summen und Summen, fiepen und fiepen. Wie sie zwitscherte, wie sie pfiff! Hosen runter, wie sie die Vöglein imitierte, erinnere mich nicht. Das zittert und zerrt. Dann war Aldo allein, lag da wie ein verwundeter Soldat, die Arme um die Knie geschlungen. Das grummelt und grollt. Er schluchzte leise, Sensor und Auslöser: Reflex. Mensch, Aldo. Er roch den Wodkaatem seiner Mutter, programmiere: Wodkaatem, erinnere mich. Doch seine Mutter war weg, Zucken im Bauch, für ihn gestorben. Im Bett über ihm schnarchte Lido, guter Junge. Und da waren noch mehr. Pläne, Erinnerungen, Späne. Die anderen, älteren versuchten ihm weh zu tun. Rosso, Tengo und Schlecko. Böser Junge, wiederhole: böser Junge, wiederhole: böser Junge. Ausweichen, ducken, Zucken im Bauch. Sie verfolgten ihn, lauerten ihm auf, hielten ihn abends im Waschraum fest. Hosen runter! Pst, Aldo, nicht weitersagen. Konstruiere: einer, der keinen Schmerz fühlt. Rekonstruiere: Brennende Kerze, heißes heißes Wachs. Aldo schrie, Sensor und Auslöser: Reflex. Schlecko schüttete Wachs nach, Zucken, die bösen Jungs lachten über Aldo. Drähte, Knoten, Konsequenzen. Erschießt sie! Die Ärzte untersuchten ihn, Zischeln und Fiepen, Schnauzermann kam, erinnere: Mein Gehirn ist größer als deins. Systemcheck. Die Ärzte standen um Aldo herum, Hosen runter! Sie griffen ihn unter den Achseln und bogen ihm den Rücken gerade. Geradeaus, erinnere mich nicht. Sie flüsterten, zischelten, warfen sich wissende Blicke zu. Sie schlugen ihn auf die Beine, Aldo trat. Sie leuchteten ihm ins Auge, Aldo zwinkerte. Sie stellten ihn nackt in die Kälte, Aldo bekam Gänsehaut. Die Ärzte nickten, Schnauzermann lachte: Mensch Aldo, guter Junge, Zucken im Bauch. Er weinte, weinte nicht. Wenn Schnauzermann ging, kamen Rosso, Tengo und Schlecko wieder. Verfolgten ihn, Ziehen, umstellten ihn, Zerren, verbrannten ihn, Zucken. Aldo floh, fand den Tunnel, der ins Rohr führte, das hinab führte, in einen finsteren Gang führte, der immer weiter hinab führte. Der zu der Höhle führte. Der Geruch nach Ratten, erinnere mich nicht. Dort war es ruhig, so ruhig wie hier. Wo er jetzt lag, wo er jetzt wohnte. Aldo seufzte, hier unten war es schön, war es friedlich. Ziehen im Bauch, Zentrale! Hier unten gab ihm niemand Befehle: nicht Frau Schultheiß-Vogelgesang, nicht die Ärzte, nicht die Offiziere, auch nicht der Schnauzermann. Hier stand alles still, jede Einheit, das ganze System. Neue Schicht: Frieden. Er zeigte Lido den Tunnel, die Rinnsale, die Höhle, den Gestank. Lido verstand ihn. Sie zeigten, pst, Aldo, nicht weitersagen: neue Module. Koppeln, koppeln. Erinnere mich nicht. Sie zeigten, pst, zusätzliche Aktivitätsebene: zucken, zucken. Sie zeigten, erinnere mich, Sparo, den Tunnel, nahmen ihn mit in die Tiefe. […]

Tessa Schwartz

Seminarclown

Wenn Gerald etwas sagt, lachen die anderen. Das war in der Schule so. Das ist in der Universität so. Sein langes Haar trägt er im Seminar offen, lässt es über seine linke Schulter fallen. Ein wenig bedeckt es sein Gesicht. Sein Kopf ist schief nach links geneigt, so bleibt es in der gewünschten Position. Wenn sie lachen, schaut er sich kurz um, dann schlägt er den Blick nieder. Sein Haar bewegt sich einige Zentimeter mehr vor das Gesicht, wie zufällig. Das Philosophieseminar aber interessiert ihn, es interessiert ihn wirklich. Seine Gedanken wirbeln um die Ideen, die er liest, die Worte, die er hört. Er sagt etwas, das kein Witz ist. Er will seine wirbelnden Gedanken in Worte fassen, das, was in ihm widerhallt, nach außen tragen, herausfinden, was es in den anderen auslöst, den Begriffen nachgehen, immer weiter, bis er sie ganz durchdrungen hat. Er sieht ratlose Augen, gerunzelte Stirnen. Er versucht es noch einmal. Die Dozentin ist bemüht, ihn zu verstehen. Sie lächelt ihn ermunternd an, gibt ihm Zeit. Irgendwann unterbricht sie ihn doch, die anderen werden unruhig. Sie sagt etwas, das wie eine Antwort auf das von ihm Gesagte klingen soll, aber beide wissen, dass sie ihn nicht verstanden hat. Das nächste Mal wird er wieder einen Witz machen. Seine Witze verstehen sie.

Axel Görlach

(aus dem Zyklus:) & die gesänge der züge

der regen schwer. und senkrecht hart wie die plattenbauten belgrads. im fahlen straßencafé vor dem bahnhof kentern kippen auf in den toten seen quadratischer aschenbecher. ein akkordeon rebelliert wirft welle um welle gegen das grau der betonblocks bis ecken und kanten schillernd zu schwingen beginnen in der melodie die schwarze säule des kellners zu summen anfängt. lichtgegerbte arme ziehen kraftvoll den balg aus unter dem schirm weit in den raum und schmutzige finger springen über abgegriffene tasten und knöpfe. sein kopf ruht zur seite geneigt hingebungsvoll auf dem instrument das ihm mit den jahren eingewachsen ist in die brust. sie atmet die töne. mitten im lied. bricht die musik ab der kellner summt weiter. der spielmann geht. mit krummem rücken erhobenem kopf. sein blick sucht nicht das publikum. er hält die hand nicht auf. das akkordeon unterm arm hinkt er gemächlich über den hektischen platz stromaufwärts den passanten entgegen die auf der flucht sind vor dem regen in belgrad der schwer fällt. senkrecht und hart.

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